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Altenburg * Provinz in Europa

Ausstellung vom 8. Februar - 5. April 2009

Vernissage: Samstag, 7.Februar, 18 Uhr

 

Diese vom Lindenau-Museum Altenburg konzipierte und 2007/08 dort gezeigte Ausstellung übernehmen wir jetzt in modifizierter Form - nicht nur, weil Altenburg Oltens Partnerstadt ist: Die Präsentation zeigt exemplarisch die Fragen einer mittelgrossen Provinzstadt mit eindrücklichem historischem Hintergrund.

Altenburg, die in der Ex-DDR, 40 km südlich von Leipzig gelegene ehemalige Residenzstadt, die heute zum Land Thüringen gehört, kann als exemplarischer Fall für den gegenwärtigen Wandel der Gesellschaft gelten. Die Stadt verfügt über eine bedeutende, über Jahrhunderte gewachsene kulturelle Qualität, die aber mehr und mehr den Bezug zu den Erfahrungen und Bedürfnissen ihrer gegenwärtigen Bewohner zu verlieren scheint.

 

Die Exponate - darunter historische und städteplanerische Dokumente, zur Hauptsache aber Künstlerbeiträge sowohl aus der regionalen Szene als auch aus verschiedenen europäischen Ländern - stellen anschaulich zur Diskussion, wie es seit der Wende in Ostdeutschland und insbesondere mit Altenburg weitergehen könnte. Es galt, die Situation Altenburgs als Teil einer europäischen Entwicklung zu beschreiben, die in anderen Regionen ähnlich verläuft. Bevölkerungsschwund, Überalterung, Sozialabbau, De-Industrialisierung und ihre Folgen wie Billiglöhne oder Arbeitslosigkeit sowie die damit verbundenen Ängste vor Armut und unumkehrbarer sozialer Deklassierung sind keine Besonderheiten Altenburgs, sondern Teil einer gesamteuropäischen Problemlage.

Das Spezifische an Altenburg – auch das wird versucht zu zeigen, ist hingegen seine Lage in der Mitte Europas und seine bedeutende historische und kulturelle Substanz. Daraus ergeben sich besondere Fragestellungen. Eigene Beiträge ergänzen die Präsentation.

 

Ein umfassendes Buch mit zahlreichen Autorentexten und Abbildungen begleitet als "künstlerische und kulturtopographische Anthologie" die Ausstellung. Hrsg. Verlag für Moderne Kunst, Nürnberg 2007. Gebunden, 272 Seiten, Sfr. 36 -. Für ein Künstlerbuch von Ulrich Wüst wird, wie zu ehemaligen DDR-Zeiten, in einer „Kasse des Vertrauens“ um eine Spende von umgerechnet Sfr. 3.50 gebeten. Der Fotoband von Franz Gloor „Zwischenhalt. Altenburg - eine Stadt im Aufbruch“, Verlag Akademia, Olten 2003, liegt ebenfalls auf.

 

Führungen und Sonderveranstaltungen während der Ausstellung werden auch in der Tagespresse angekündigt.

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Skatkurs mit Dany Herberich

 

Skat ist ein Kartenspiel für drei Personen. Es spielt ein Alleinspieler gegen die beiden verbleibenden Mitspieler (die „Gegenpartei“). Nach dem Geben der Karten wird durch das so genannte „Reizen“ bestimmt, welcher der drei Spieler Alleinspieler wird. Sobald das Spiel beendet ist, wird ausgezählt, ob der Alleinspieler oder die Gegenpartei gewonnen hat. Die Punkte werden notiert und man geht zum nächsten Spiel über.

 

Skat wurde um 1820 in der „Skatstadt“ Altenburg erfunden, entwickelt aus dem Kartenspiel Schafkopf. Im Jahre 1886 fand der erste deutsche Skatkongress mit über 1000 Teilnehmern in Altenburg statt. 1899 wurde der Deutsche Skatverband mit Sitz in Altenburg gegründet. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde 1953 der Sitz des Verbandes nach Bielefeld verlegt. 2001, elf Jahre nach der Wiedervereinigung, kehrte er wieder zurück nach Altenburg. Dieser Schritt wurde 2005 mit der Schließung der Geschäftsstelle Bielefeld abgeschlossen. Am 1. Dezember 2001 wurde in Altenburg das „Internationale Skatgericht“ gegründet, das über strittige Fälle entscheidet.

Skat war ein beliebter Zeitvertreib des berühmten Komponisten Richard Strauss, und so komponierte er auch eine Skatpartie in seiner Oper „Intermezzo“.

 

Der Kurs findet statt:

Freitag 20. März, 19 - 21 Uhr

Donnerstag 26. März, 19 - 21 Uhr

 

Achtung:

Teilnehmerzahl beschränkt!

Um Voranmeldung wird gebeten.

Eintritt frei.

 

 

Öffentliche Führung durch die Ausstellung mit Diskussion

 

Dr. Peter André Bloch, Kulturinterpret aus Olten und Dr. Christa Grimm, Germanistin in Altenburg/Universität Leipzig, führen, zusammen mit Patricia Nußbaum, Leiterin des Kunstmuseums, ein interessiertes Publikum durch die Ausstellung. Anschliessend findet eine Diskussion über die Ausstellung und die verschiedenen Aspekte und Möglichkeiten der Städte-Partnerschaft statt. Gäste herzlich willkommen!

 

Sonntag 22. März, 15.30 - 16.30 Uhr.

Eintritt frei. Mit kleinem Apero.

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Stellvertreter sucht Stellvertreterin

Als Stellvertreterin des Stellvertreters von Olaf Nicolai für 1 Tag während der Ausstellung

Altenburg * Provinz in Europa
Bewerbungstermin: Donnerstag. 26. Februar, 10.00 Uhr,

KUNSTMUSEUM OLTEN, Kirchgasse 8, CH-4600 Olten

 

Ein Doppelgänger des Künstlers Olaf Nicolai erkundet eine Woche lang die Stadt und dokumentiert das Erlebte anhand von Fotos, Skizzen und Tagebuchaufzeichnungen. Ein Kurator wählt im Auftrag von Olaf Nicolai einen Doppelgänger aus.

 

Es bleibt dem Künstler selbst verborgen, ob an seiner Stelle ein Mann oder eine Frau, ein anderer Künstler oder ein Schauspieler, ein Berufstätiger oder ein Arbeitsloser unterwegs ist. Nicolai begegnet nie seinem Stellvertreter und erfährt nie, welche Instruktionen im Einzelnen gegeben wurden.

 

»How to Produce a Site Specific Work Anywhere« knüpft an die Tradition konzeptueller Kunst an und stellt am Beispiel einer ortsspezifischen Arbeit die Begriffe Werk und Autor neu zur Diskussion. Diese geraten aus dem Gleichgewicht, sie werden ambivalent und fließend. Am Ende des arbeitsteiligen Prozesses steht eine Publikation, in der Olaf Nicolai die Eindrücke seines Doppelgängers dokumentiert.

 

Das zu erscheinende Tagebuch ist Teil einer seit mehreren Jahren begonnen

Tagebuchreihe mit Publikationen aus u.a. Porto, Prag, Wien, Varna, München, Rovereto...

Olaf Nicolai, der bei der Altenburger Etappe der Ausstellung im Lindenau-Museum (23.9.07 bis 20.1.08) mit einem Austauschprojekt von Veranstaltungsplakaten zwischen Altenburg und dessen weiteren Partnerstadt London vertreten war, schlägt für Olten vor, eines dieser Tagebücher durch einen Stellvertreter entstehen zu lassen. Das Projekt beginnt

 

Donnerstag 26. Februar, 10 Uhr und dauert insgesamt 4-5 Tage.

Präsentiert wird das Ergebnis an der Finissage der Ausstellung am

Sonntag 5. April, ab 15 Uhr.

 

 

Eröffnungsansprache Jutta Penndorf, 7.Februar 2009

 

Das Lindenau-Museum Altenburg, ein Ort für alte und neue Kunst, stellte 2007/2008 seine Stadt aus. „Altenburg: Provinz in Europa. Einer künstlerische und kulturtopo-graphische Anthologie.“ hiess das von der Kulturstiftung des Bundes und anderen an dem Ort und an der Idee Interessierten geförderte Projekt.

 

Altenburg, eine der schönsten deutschen Kleinstädte, reich an Kunst von ausserge-wöhnlichem Rang, gelegen im einigen und doch so heterogenen Europa zwischen Thüringen und Sachsen und London (Die Billiglinie Ryanair fliegt von Altenburg/Nobitz nach London und sommers nach Barcelona und neuerdings auch nach Schottland jeweils hin und zurück), und zwischen Leipzig, Dresden, Weimar und Naumburg, eine Stadt, die mit finanziellen und sozialen Problemen kämpft und zugleich reich ist an kultureller Substanz.

Sie erscheint vor dem Hintergrund der EU in vielerlei Hinsicht als ein aussergewöhnlicher Präzedenzfall, in dem sich internationale Entwicklungen fokussieren: vom Bergbau (Braunkohle und Uran) und der Bergbausanierung über die problematischste Thüringer Umweltlast, den Rositzer Teersee, sowie das Errichten und den „Rückbau“ von Wohn-vierteln einerseits bis hin zum Nachdenken über neue Trägerschaften und Konzepte für die Kulturinstitute der Region andererseits.

Die Entwicklung der Stadt und ihres Umlandes in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts und in der Gegenwart erscheint als Indikator für politische und gesellschaftliche Tendenzen in Europa. Das Projekt wollte dazu beitragen, diese Vorgänge bewusst zu machen, indem es den Bestand aufzeigte, die Verluste – vergangene, gegenwärtige und noch zu erwartende – vorwies und mögliche Konsequenzen wie Strategien des Widerstehens oder aber der Erinnerung zu erkennen half.

Die Methode war interdisziplinär. Konkrete soziale, historische und künstlerische Beispiele – als kollektive Erfahrungen verstanden – bildeten die Kerne der Untersuchung, die sich zum „Rahmenthema“ zusammen-schlossen.

Obwohl der Schwerpunkt auf den vergangenen fünfzig Jahren lag, wurden in einem Prolog historische „Lotungen“ in die Kultur-, Natur- und Industriegeschichte der Region vorgenommen, zu Lindenau und den Enzyklopädisten Brockhaus und Pierer, und nicht zu vergessen, dem Skat.

 

Die Sammlungen des „Gelehrten, Staatsmannes, Menschenfreundes und Förderers der Schönen Künste“ Bernhard August von Lindenau (1779-1854), die er dem Staat mit den Auflagen der Unveräusserlichkeit und dauernden Bindung an die Stadt Altenburg stiftete, insbesondere 180 frühitalienische Gemälde und 400 antike Keramiken, bestimmen bis heute dem Rang des Lindenau-Museums. An der Schwelle zur Moderne agierte der Universalist Lindenau zwischen Aufklärung und Romantik. Seine höchst aktuell erschei-nenden Reflexionen gesellschaftlicher, politischer, sozialer, naturwissenschaftlicher und kultureller Prozesse wie sein im Kantschen Sinn aktives Eingreifen in diese Prozesse bildeten den Hintergrund der Projektidee.

 

Die Auswahl der Themen und Beispiele erfolgte streng und konzentrierte sich auf Mar-kantes (das konnten auch kleine, zeichenhafte Dinge sein) von überregionalem Interesse. Die drei Kuratoren, der Kunsthistoriker und Publizist Matthias Flügge, der Architekt und Publizist Wolfgang Kil und ich, unternahmen mit den eingeladenen in- und ausländischen Fotografen, Filmemachern, Malern und Zeichnern, Wissenschaftlern, Architekten, Stadt-planern, Literaten und Studenten dreier Kunsthochschulen eine forschende Wanderung durch Höllenkreise und Paradiese. Beteiligt waren Künstler, die mit der Region verbunden sind und solche, die sich ihr angenähert haben, alle waren mit grösstem Engagement bei der Sache. Die Ergebnisse wurden als fotografische und andere Bilder, als Installationen, Texte, Filme oder Videos präsentiert.

Parallel zu den Künstlern und Wissenschaftlern begeben sich Schulkinder aus dem Neu-baugebiet Altenburg-Nord unter Anleitung des Studios Bildende Kunst des Lindenau-Museums auf eine Entdeckungsreise durch ihre Stadt.

Eine Vielzahl von öffentlichen Diskussionen, Filmvorführungen, Vorträgen und Lesungen bot Raum für Gespräche.

Zu dem Projekt erschien ein Buch, das kein Katalog ist, sondern eine Anthologie heutiger Einsichten; ein Buch, das fortgeschrieben werden könnte, und eine Dokumentation der Ausstellungen, Veranstaltungen und unvorher-gesehener Ereignisse.

Sie liegen aus und können neben dem neuen Buch von Annett Gröschner und Arwed Messmer und dem Büchlein „geschlossen“ von Ulrich Wüst erworben werden.

 

Wenn Sie nach dem Fazit fragen:

Wir haben neben mancher harschen Ablehnung in der Stadt auch vielfache Unterstüt-zung von Menschen erfahren, die verstanden, dass hier eine ernsthafte Auseinander-setzung und nicht etwa ein kunstbetrieblicher Event, dessen Teilnehmer nach stattge-habtem Vergnügen folgenlos verschwinden, stattfand.

Mit Bestürzung wurde die Zerstörung der Installation des Prager Künstlers Ivan Kafka aufgenommen. Sie geschah in einer konzertierten nächtlichen Aktion und war ihrer Struktur nach das Gegenteil jenes Gelegenheits-vandalismus, mit dem man heute immer rechnen muss. Was als eine topografische Bezeichnung des Schlossparks im Geist der Land-Art entstanden war und den Blick für die Schönheit und Besonderheit des Ortes schärfen wollte, empfanden manche offenbar als eine unerträgliche Provokation durch Kunst.

Viele Menschen sind in ein Museum gekommen, das zuvor ausserhalb ihres Blickfeldes lag. Dabei hat auch die Frage des Eintrittsgeldes eine Rolle gespielt, denn als wir nach einiger Zeit einen kostenfreien Abendeintritt bei verlängerter Öffnungszeit und dazu immer Führungen anboten, stiegen die Besucherzahlen sprunghaft an.

Wir fanden Bestätigung für das Gefühl, dass die Stadt stärker vernetzt werden muss, in Deutschland, in Europa. Dass es für eine Veränderung des status quo einer intensiven Zusammenarbeit mit Institutionen andernorts bedarf. Dass Initiativen der Bürger zum Wohle der Stadt als solche erkannt und als kostbares wie kostenfreies Gut gefördert werden sollten, um ein Klima des Miteinander zu schaffen.

Es gibt auch Konkretes zu berichten: So finden, initiiert durch das Projekt, alljährlich zu seinem Geburttag ein öffentliches Vor-Lesen der Texte des 2006 gestorbenen Dichters Wolfgang Hilbig statt und bahnt sich eine Zusammenarbeit mit der Akademie der Künste an, deren Mitglied der Bücherpreisträger war.

 

Bleibt ein herzlicher Dank an Patricia Nussbaum und ihre Kollegen und an Guido Nussbaum, dass sie sich für das Projekt begeisterten und Teile davon nach Olten holten. Vielleicht gelingt es im Gegenzug, in den nächsten Jahren Disteli in Altenburg zu zeigen, auch einer non den Künstlern, deren Erfahrungen nicht an Orte gebunden sind.

Und ich freue mich sehr, den Schweizer Projektteilnehmer Markus Raetz hier zu sehen. Von einem anderen Schweizer, dem Architekten Caminada, waren Texte zu seinen modernen Adaptionen historisch gewachsener Bauten in das Buch einbezogen worden.

Und nicht zuletzt bin ich gebeten, Grüsse von vielen Projektteilnehmern und Altenburgern auszurichten und einen Vorschlag meiner Kollegen vorzutragen: Eine künstlerische Mailart-Aktion zwischen Oltner und Altenburger Kindern. Das Studio Bildende Kunst unseres Museums würde gern diese Tradition internationaler Künstleraustausches aufnehmen und im Rahmen der Ausstellung und auch später noch Erfahrungen von Kindern mit ihrer und mit der Partnerstadt künstlerisch begleiten.

 

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